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Sauberkeitsfimmel

 

Isabell Hauser-Schöner ist dem Sauberkeitsfimmel nachgegangen.

Gefunden unter: ??

Wohnung, Haus und Hof müssen überall in der Welt saubergehalten werden. Die Schwaben jedoch scheinen sich dabei besonders ins Zeug zu legen, Ihnen wird nachgesagt, der Putzeifer sei ihnen in die Wiege gelegt worden. In der Tat gibt es historische Gründe, weshalb sie so demonstrativ zeigen, dass sie "ihr Sach'" in Ordnung halten.
Wer die Schwaben charakterisieren will, dem fallen auf Anhieb einige markante Eigenschaften ein. "Schaffe, schaffe, Häusle baue" ist das wohl gängigste Etikett - und auf dem Fuße folgen dann Merkmale wie Putzwut, Ordentlichkeit, Geiz. Ganz sicher "wienern" nicht nur die Schwaben ihr Hab und Gut. Aber dass sie den Hof bis auf die Straße hinaus fegen, jedem Unkraut im Vorgärtle sofort und gründlich zuleibe rücken - das scheint doch in Württemberg weiter verbreitet zu sein als in anderne Regionen.
...
Die ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Dreck ist im "Ländle" eine Tugend. Warum das jedoch seit Generationen so ist, wissen die wenigsten.
Zur Aufhellung hat u.a. Klaus Koziol beigetragen mit seinem Buch "Badener und Württemberger - Zwei ungleiche Brüder". Er wollte wissen, warum die Badener und Württemberger, obwohl sie seit einer Generation in einem Bundesland zusammenleben, so unterschiedlich sind. Was er herausgefunden hat über die Württemberger - genauer gesagt über die Altwürttemberger - läßt einen äußerst interessanten Schluß zu: Putzen und Schrubben, Wischen und Scheuern, Aufräumen und Striegeln haben in diesem Land einen geschichtlichen Hintergrund.

Doch zunächst einmal ist die geographische Lage Altwürttembergers zu beachten. Das Herzogtum war von drei "Wällen" umschlossen: Im Norden von Odenwald und Stromberg, im Südwesten vom Schwarzwald und im Südosten von der Schwäbischen Alb. Altwürttemberg war ein Land "hinter den Bergen", es lag abseits der großen Verkehrsstraßen. Das bewirkte, so Koziol, "dass nicht nur der große Verkehrsstrom bis ins letzte Jahrhundert hinein mäßig floß, sondern auch, dass Ideen, Weltanschauungen und Ideologien gefiltert nach Württemberg und zu dessen Einwohnern vordringen konnten".
Zwei markante Begebenheiten zu Beginn des 16. Jahrhunderts beeinflußten die Entwicklung Württembergs maßgeblich. Zum einen setzte sich der evangelische Glaube durch; Württemberg wurde zu einer Hochburg des Protestantismus, die evangelisch-lutherische Konfession wurde somit zur Staatsreligion, Andersdenkende waren nicht geduldet. Die "Große Kirchenverordnung" aus dem Jahr 1559 diktierte dem Volk den evangelischen Glauben.

Das Gebiet des ehemaligen Altwürttemberg war bis nach dem Zweiten Weltkrieg nahezu rein evangelisch.
Zum anderen waren es die ungeheuren Schulden Herzog Ulrichs, die das Land an den Rand des Ruins brachten. Der Landtag und die darin vertretenen Stände übernahmen zwar Ulrichs Schulden, aber nicht ohne Forderungen: Sie erreichten auf dem "Tübinger Landtag" (1514) ein Mitspracherecht bei der Gesetzgebung und bei der Steuerbewilligung. Der Tübinger Vertrag zwang jeden der nachfolgenden Herzöge, diese Vereinbarung durch einen Schwur zu erneuern.

Das hatte Konsequenzen: Die Stände setzten sich aus Vertretern der Kirche sowie der Ämte und Städte zusammen; die Adligen hatten nichts mehr zu melden. Die Vertreter der Stände hielten damit alle einflußreichen geistlichen wie weltlichen Positionen besetzt.
Hier nun beginnt die Geschichte mit der Putzwut und der demonstrativen Ordentlichkeit. Seit der Großen Kirchenverordnung von 1559 mussten sich die Württemberger mit einer Vielzahl von Verordnungen vertraut mchen. Das tägliche Leben war bis in die letzte Kleinigkeit vorgeschrieben und geregelt. Koziol schreibt: "Dies führte zu einem Reglement der täglichen Lebensäußerungen, das auf die Minute genau ablief; man fütterte, mähte, pflügte, gärtelte, nähte, aß und schlief jeweils zur gleichen Zeit, auf einem Hof wie dem anderen, fast anstaltsmäßig".

Diese Gängelung wurde durch den Pietismus noch verstärkt. Die Pietisten verstanden es, die Grundelemente ihres Glaubens auch für Nicht-Pietisten zur Orientierung werden zu lassen. Durch Verordnungen, Gesetze und Vorschriften wurde das soziale Leben auf eine Weise bestimmt, die ihresgleichen sucht. Überwacht wurde alles vom Kirchenkonvent.
Der Calwer Dekan Johann Valentin Adreae, 1586 in Herrenberg geboren, war der geistige Initiator dieser Kirchenkonvente. Er wollte das private und öffentliche Leben in richtige, das heißt kirchliche Bahnen lenken.

Dazu brauchte man ein Kontrollorgan: Der Kirchenkonvent trat zweimal wöchentlich zusammen. Er bestand aus weltlichen Gemeindevertretern und dem Pfarrer. Überwacht wurde die Heilighaltung des Sonntags; Tanzen und Spielen, Fluchen, Lärmen und Zanken wurden geahndet. Die Überwachung wurde durch "Aufpasser" gewährleistet, die alles dem Kirchenkonvent meldeten. Aber auch jeder Bürger sollte Überschreitungen melden: So wurde das "Einander-Beobachten" und Verpetzen gefördert. Zur Verhandlung wurde der Angeklagte vor den Kirchenkonvent zitiert. Der Petzer bekam als Lohn das sogenannte Anbringdrittel. Es war der Anteil an der Geldstrafe, die etwa ein Faulenzer bezahlen musste.

Am folgenreichsten war aber wohl das "Generalrescript" von 1781 gegen die "Übelhäuser": Jeder, der seine Landwirtschaft schlecht betrieb und sein Haus "verludern" ließ, wurde enteignet. Wer solche "Übelhäuser" der Obrigkeit anzeigte, erhielt zur Belohnung ein Drittel des eingezogenen Gutes.
Da traute sich keiner, seine häusliche Wirtschaft zu vernachlässigen. Zumindest musste man nach außen hin so tun, als würde man schwer arbeiten. Müßiggang war - wenn überhaupt - eine Sache für den privaten Raum. In der Öffentlichkeit gab man sich "schaffig". Der Nachbar durft nur ja nicht den Eindruck gewinnen, als hätte man nichts zu tun.

Um nicht in den Verdacht zu geraten, man sei schludrig oder gar schlampig, wird auch heute noch mit demonstrativer Geste geputzt. Da werden die Betten nicht etwa zum Schlafzimmerfenster in den Hof hinaus gelüftet - nein, sie werden, dekorativ über die ganze Hausfront verteilt, in die zur Straße gehenden Fenster gehängt. Zum Frühjahrsputz werden Stühle und Tische vor das Haus geschleppt und dort geschrubbt und auf Hochglanz poliert. Zuletzt wird gar noch die Hühnerleiter einer gründlichen Reinigung unerzogen.
Um die Haustüren schwäbischer Häuser herum scheint sich der Schmutz besonders hartnäckig anzusammeln.

Nicht selten sieht man die Hausfrauen dort stundenlang mit Eimer und Putzlappen herumhantieren - und so ganz nebenbei hält man ein Schwätzchen mit der Nachbarin; der neueste Tratsch wird von Haustür zu Haustür, auch über die Straße hinweg ausgetauscht. Putzen fördert auf diese Weise ungemein die Kommunikation. Wer erfahren will, was das Dorfleben an Neuigkeiten zu bieten hat, der braucht nur zum Besen zu greifen: ums Haus herum findet sich immer ein Häufchen Dreck, dem man zu Leibe rücken kann.

 



Aktualisiert: 26.12.2011